Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix unterstützt Lehrpersonen und Forschende dabei, digital gestützte Lerngelegenheiten zu analysieren und zu gestalten. Im Sinne einer Allgemeinen Digitalen Didaktik macht sie sichtbar, wie technisch fundierte Möglichkeiten der Digitalität die strukturellen Bedingungen didaktischer Kommunikation verändern und welche Konsequenzen sich daraus für Lernprozesse und die Anforderungen an digitale Medien ergeben.


Digitale Didaktische Orientierungsmatrix
Digitale Didaktische Orientierungsmatrix: Dr. Christian Schenkel, University of Teacher Education Bern, CC BY 4.0 , 2025
Wozu dient die Orientierungsmatrix?
Digitale Medien eröffnen vielfältige Möglichkeiten, Lernmaterialien bereitzustellen, Lernwege zu vernetzen, Zusammenarbeit zu organisieren und Kommunikation über institutionelle Grenzen hinaus zu erweitern. Damit diese Möglichkeiten für die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen didaktisch begründet genutzt werden können, müssen sie nach Kriterien einer Allgemeinen Digitalen Didaktik beurteilt werden.
Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix hilft dabei, diese Möglichkeiten systematisch zu unterscheiden und ihre Bedeutung für das Lehren und Lernen sichtbar zu machen. Sie zeigt, welche didaktischen Basisszenarien damit verbunden sind, welche strukturellen Veränderungen damit einhergehen und welche Konsequenzen sich für die Gestaltung, Begleitung und Beobachtung von Lernprozessen ergeben.
Auf dieser Grundlage unterstützt die Orientierungsmatrix Lehrpersonen dabei, unterschiedliche Szenarien zu erkunden, bestehende oder geplante Lerngelegenheiten zu analysieren und die Anforderungen an digitale Medien didaktisch zu begründen. Dabei gibt sie keine bestimmte Lösung vor, sondern macht Gestaltungsfragen und Entscheidungsalternativen sichtbar.
Wie ist die Orientierungsmatrix aufgebaut?
Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix verbindet zwei Perspektiven. Die Zeilen unterscheiden vier technisch fundierte Möglichkeiten der Digitalität, die für die Gestaltung digital gestützter Lerngelegenheiten relevant sind. Die Spalten zeigen, unter welchen didaktischen Gesichtspunkten diese Möglichkeiten beobachtet und beurteilt werden können.
Digitalisierung bezeichnet die technische Umwandlung analoger in digitale Zeichen. Auf dieser Grundlage können Lernmaterialien im virtuellen Lernraum dauerhaft bereitgestellt, unabhängig von Ort und Zeit abgerufen und fortlaufend aktualisiert werden.
Referenzialität bezeichnet die Vernetzbarkeit von Lernmaterialien. Diese können miteinander verknüpft und in unterschiedliche Zusammenhänge gestellt werden. Dadurch werden verschiedene Zugänge zu einem Lerngegenstand und unterschiedliche Lernwege möglich.
Kollaborativität bezeichnet die Möglichkeit, einen Lerngegenstand gemeinsam zu bearbeiten. Lernpersonen können synchron oder asynchron Beiträge einbringen, Arbeitsstände weiterentwickeln und ihre Arbeitsschritte über digitale Medien aufeinander abstimmen. Dadurch lassen sich gemeinsame Arbeitsprozesse über Zeit und Ort hinweg koordinieren und fortführen.
Gemeinschaftlichkeit bezeichnet den offenen Zugang zu Lernressourcen und Kommunikation. Lernpersonen können Beiträge von Personen ausserhalb ihres institutionell gerahmten Lernzusammenhangs aufgreifen und sich selbst an offenen Lerngemeinschaften beteiligen. Die Beteiligung erfolgt situativ in offenen sozialen Zusammenhängen.
Das didaktische Basisszenario bezeichnet eine typische beobachtbare Form des Lehrens und Lernens im virtuellen Lernraum. Es zeigt, wie Lerngegenstände in der Kommunikation entfaltet, Beiträge aufeinander bezogen und Anschlusskommunikation strukturiert werden.
Die strukturellen Veränderungen machen Verschiebungen in den Erwartungsstrukturen didaktischer Kommunikation sichtbar. Sie betreffen je nach Möglichkeit der Digitalität sachliche, raumzeitliche oder soziale Aspekte des Lehrens und Lernens und ergeben sich im Vergleich zur Präsenzkommunikation.
Die Konsequenzen für Lernprozesse zeigen Strukturprobleme, die mit den veränderten Bedingungen der Digitalität verbunden sind. Sie machen sichtbar, welche Erwartungen zwischen Lehr- und Lernpersonen geklärt, aufeinander bezogen und verlässlich stabilisiert werden müssen.
Die Anforderungen an Medien bezeichnen Funktionen digitaler Medien, die erforderlich sind, damit sich die didaktischen Basisszenarien realisieren lassen. Dabei handelt es sich sowohl um Funktionen, welche die Erwartungsstrukturen eines Basisszenarios stabilisieren, als auch um Funktionen, welche die didaktische Ausgestaltung der Kommunikation unterstützen.
Die Zeilen und Spalten bilden gemeinsam die Beobachtungsstruktur der Orientierungsmatrix. Jede Zeile lässt sich von einer Möglichkeit der Digitalität über das damit verbundene didaktische Basisszenario und die hervortretenden strukturellen Veränderungen bis zu den Konsequenzen für Lernprozesse und den Anforderungen an digitale Medien lesen.
Diese Abfolge stellt jedoch weder einen festen Planungsablauf noch eine kausale Wirkungskette dar. Die einzelnen Felder eröffnen unterschiedliche, miteinander verbundene Perspektiven auf digital gestützte Lerngelegenheiten.
Vier didaktische Basisszenarien
Die vier technisch fundierten Möglichkeiten der Digitalität korrespondieren mit vier didaktischen Basisszenarien. Diese bezeichnen typische beobachtbare Formen des Lehrens und Lernens im virtuellen Lernraum. Sie dienen als heuristische Orientierung für die Analyse und Gestaltung digital gestützter Lerngelegenheiten.
Die Basisszenarien sind nicht als voneinander isolierte Unterrichtsformen zu verstehen. In konkreten Lerngelegenheiten können mehrere Szenarien miteinander verbunden sein oder sich überlagern.
Lernpersonen bearbeiten bereitgestellte Lernmaterialien und Aufträge innerhalb eines didaktisch gesetzten Rahmens eigenständig. Sie planen weitgehend selbst, wann und von welchem Ort aus sie arbeiten und wie sie ihre Arbeitszeit einteilen.
Mit der raumzeitlichen Entkopplung von Lehr- und Lernpersonen gewinnt die geteilte Verantwortungsübernahme an Bedeutung. Lehrpersonen schaffen Orientierung und verlässliche Unterstützungsmöglichkeiten, während Lernpersonen ihre Bearbeitung im vereinbarten Rahmen organisieren und Klärungsbedarf anzeigen.
Lernpersonen erschliessen einen Lerngegenstand über unterschiedliche Zugänge und Lernwege. Sie wählen aus miteinander verknüpften Lernmaterialien aus, folgen verschiedenen Verweisungen und setzen eigene Schwerpunkte.
Da diese Lernwege für Lehrpersonen nur begrenzt nachvollziehbar sind, müssen gewählte Zugänge, hergestellte Zusammenhänge, Ergebnisse und offene Fragen dokumentiert und reflektiert werden. Dadurch bleiben die individuellen Lernwege auf den gemeinsamen Lerngegenstand bezogen.
Lernpersonen bearbeiten einen Auftrag in einem gemeinsamen Arbeitsprozess und entwickeln dabei gemeinsame Lösungen oder Ergebnisse. Sie bringen eigene Beiträge ein, greifen Beiträge anderer auf und stimmen ihre Arbeitsschritte über digitale Medien aufeinander ab.
Damit die Zusammenarbeit fortgeführt werden kann, müssen Verantwortlichkeiten immer wieder ausgehandelt werden. Die Beteiligten klären, wie Beiträge aufgegriffen und weiterentwickelt werden, wer welche Aufgaben übernimmt und wie unterschiedliche Vorstellungen zu einem gemeinsamen Arbeitsstand verbunden werden.
Lernpersonen erschliessen Themen ausserhalb formaler Lernsettings und beteiligen sich an offenen Lerngemeinschaften. Sie greifen Beiträge und Erfahrungen anderer auf, bringen eigene Beiträge ein und nehmen in wechselnden sozialen Zusammenhängen am Austausch teil.
Da die Beiträge nicht nach den curricularen Vorgaben und dem Lehrverständnis einer Bildungsinstitution ausgewählt und aufbereitet sind, müssen ihre Relevanz, Herkunft und Verlässlichkeit eingeordnet werden. Diese Einordnung nicht kuratierter Beiträge wird selbst zum Gegenstand didaktischer Kommunikation.
So arbeitest du mit der Orientierungsmatrix?
Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix kann auf unterschiedliche Weise genutzt werden. Du kannst von einem didaktischen Basisszenario ausgehen oder eine bestehende beziehungsweise geplante Lerngelegenheit anhand der Orientierungsmatrix untersuchen.
Wähle zunächst eines der vier didaktischen Basisszenarien aus:
Lies anschliessend die zugehörige Zeile der Orientierungsmatrix von links nach rechts. Sie zeigt, welche technisch fundierte Möglichkeit der Digitalität mit dem Basisszenario verbunden ist, welche strukturelle Veränderung dabei hervortritt, welche Konsequenz sich für den Lernprozess ergibt und welche Anforderungen digitale Medien erfüllen müssen.
Auf diese Weise kannst du ein Basisszenario in seiner didaktischen Logik erschliessen und prüfen, welche Bedingungen bei seiner Ausgestaltung besonders zu beachten sind.
Du kannst die Orientierungsmatrix auch auf eine bestehende oder geplante Lerngelegenheit beziehen. Frage zunächst, welches Basisszenario darin im Vordergrund steht und welche weiteren Szenarien ebenfalls eine Rolle spielen.
Prüfe danach:
Die Orientierungsmatrix unterstützt dabei, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die bei der Auswahl digitaler Medien und ihrer Funktionen leicht aus dem Blick geraten. Sie hilft dadurch, digitale Medien nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit der didaktischen Gestaltung einer Lerngelegenheit zu beurteilen.
Die Analyse muss nicht bei der ersten Spalte beginnen und nicht vollständig Zeile für Zeile durchgeführt werden. Du kannst bei jener Frage oder jenem Feld einsetzen, das für deine Lerngelegenheit besonders relevant ist, und von dort aus die weiteren Zusammenhänge erschliessen.
Welchen Nutzen bietet die Orientierungsmatrix?
Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix schafft Orientierung in einem Gestaltungsfeld, das durch vielfältige digitale Möglichkeiten und unterschiedliche didaktische Anforderungen geprägt ist. Sie lenkt den Blick nicht auf einzelne Medien oder Funktionen, sondern auf deren Zusammenhang mit den Bedingungen des Lehrens und Lernens.
Die Orientierungsmatrix verbindet technisch fundierte Möglichkeiten der Digitalität mit didaktischen Basisszenarien, strukturellen Veränderungen, Konsequenzen für Lernprozesse und Anforderungen an Medien. Dadurch macht sie sichtbar, dass die Nutzung digitaler Medien stets auch sachliche, raumzeitliche und soziale Bedingungen didaktischer Kommunikation verändert.
Die Orientierungsmatrix unterstützt dabei, Entscheidungen über die Gestaltung einer Lerngelegenheit digital-didaktisch zu begründen. Sie hilft zu klären, weshalb bestimmte Medien und Funktionen eingesetzt werden, welche Anforderungen sie erfüllen sollen und welche Folgen sich daraus für Lehr- und Lernpersonen ergeben.
Die Orientierungsmatrix stellt im Sinne der Allgemeinen Digitalen Didaktik eine gemeinsame Sprache für die Planung, Analyse und Weiterentwicklung digital gestützter Lerngelegenheiten bereit. Sie kann dadurch die Verständigung in Teams, in der Grund- und Weiterbildung sowie in Beratungssituationen unterstützen und unterschiedliche Perspektiven auf eine Lerngelegenheit aufeinander beziehen.
Der Nutzen der Orientierungsmatrix liegt somit nicht darin, fertige Lösungen bereitzustellen. Sie unterstützt vielmehr dabei, relevante Zusammenhänge zu erkennen, didaktische Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen und die Gestaltung digital gestützter Lerngelegenheiten gemeinsam zu reflektieren.
Lerngelegenheiten gestalten
Die Digitale Didaktische Orientierungsmatrix unterstützt dabei, ein didaktisches Basisszenario zu erschliessen und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen, Konsequenzen für Lernprozesse und Anforderungen an digitale Medien sichtbar zu machen. Für die konkrete Gestaltung einer Lerngelegenheit müssen diese Überlegungen weitergeführt und aufeinander abgestimmt werden.
Das Digitale Didaktische Dreieck verbindet dazu drei Perspektiven: Der Strukturaspekt richtet den Blick auf die sachlichen, raumzeitlichen und sozialen Bedingungen einer Lerngelegenheit. Der Kulturaspekt nimmt die Ziel- und Stoffkultur, die Lehr- und Lernkultur sowie die Dialog- und Unterstützungskultur in den Blick. Der Medienaspekt zeigt, welche Darstellungs-, Organisations-, Austausch- und Kollaborations-, Produktions-, Übungs- und Beurteilungsfunktionen digitale Medien übernehmen können.
So unterstützt das Digitale Didaktische Dreieck dabei, die strukturellen Bedingungen, die didaktische Kultur und den Medieneinsatz einer digital gestützten Lerngelegenheit zusammenhängend zu reflektieren und zu gestalten.